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Von anfänglicher Wut bis zur unendlichen Liebe - Wie es ist, mit 17 noch mal Schwester zu werden

Lange Zeit haben wir ein sehr ruhiges Familienleben geführt. Nur ich (Julia), mein Bruder(Lukas) und Mama(Andrea).
Ich war sehr zufrieden damit.  Natürlich gab es, wie in jeder Familie mit zwei pubertierenden Kindern auch mal Streit. Mal mehr und mal weniger, aber das war okay, denn es kann nun mal nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ sein...
Und obwohl ich mich sehr wohl damit führte, langsam ein eigenes Leben zu führen und zu einem Erwachsenen heranzureifen, hatte ich trotzdem das Gefühl, dass irgendetwas dieses schöne Familienleben trübte.

Vielleicht waren es die Streitigkeiten mit meinem Bruder, vielleicht der Stress in der Schule durch das Abitur, vielleicht aber auch das Gefühl, dass es Mama immer schwerer fiel, mich und meinen Bruder loszulassen. Uns erwachsen werden zu lassen. Zu akzeptieren, dass wir vielleicht nicht mehr lange bei ihr wohnen werden.
Spätestens dann nicht mehr, wenn wir aufgrund eines Studiums oder einer Ausbildung weiter weg ziehen müssten.


Natürlich geht es jeder Mutter irgendwann in ihrem Leben so.
Aber Hey, wäre es nicht super für sie, wenn wir irgendwann nicht mehr jeden Tag bei ihr wären und sie sich nicht mehr jeden Tag darum kümmern müsste, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch steht, wenn wir aus der Schule kommen. Dass sie einfach mal wieder ein bisschen Zeit für sich und ihre Hobbies hat?
Ich fand den Gedanken eigentlich super und habe ihr auch sehr gewünscht, mal ein bisschen mehr Ruhe zu haben – Na klar, ich habe ihr ja wahrscheinlich auch genug Sorgen bereitet und sicher für das ein oder andere graue Haar gesorgt :D

Nun ja, natürlich kommt im Leben ja nicht immer alles so, wie man es plant.
Auch ich ,mit meinen 19 Jahren, weiß das schon sehr gut.
Trotzdem traf es mich wie ein Schlag, als Mama uns im November 2013 erzählte, dass sie wieder schwanger sei.

Es war wirklich ein Schock für mich!

Wie konnte sie denn mit  bald 38 noch ein Kind bekommen wollen?

Und vor allem, WARUM ?
Ich konnte es einfach nicht verstehen.
Und ich muss auch ehrlich gesagt zugeben, dass ich damit auch ganz und gar nicht einverstanden war.
Ich weiß nicht, ob man das jetzt nachvollziehen kann, aber ich meinem Kopf war das einfach ein Ding der Unmöglichkeit.
Ich konnte und wollte es einfach nicht verstehen.
Und irgendwie war ich auch sauer, weil ich nicht gefragt wurde, ich aber trotzdem an der Situation nichts ändern konnte.
Ich war sauer auf mich, auf Mama und auf meinen Bruder, weil er die Schwangerschaft einfach so hinnahm.
Wie konnte er akzeptieren, dass wir bald ein schreiendes Kind hier im Haus haben?
Schon allein der Gedanke daran, nervte mich unglaublich.
*Eine kurze Anmerkung dazu: Ich war nie ein Mädchen, das sehr viel mit Puppen gespielt hat. Natürlich hatte ich auch welche, aber ich habe mir schon als Kind nie ein Leben als Mutter vorgestellt. Habe mir nie Namen für meine zukünftigen Kinder ausgemalt, wenn ich mal groß sein würde. Irgendwie lag das wohl einfach nicht in meinen Genen*
Vielleicht fiel es mir deshalb auch so schwer, zu akzeptieren, dass wir bald wieder ein kleines, schreiendes Kind unter uns haben würden.
Zu der Zeit war ich (und das dürft ihr mir im Nachhinein bitte auch nicht übel nehmen) aber auch generell genervt von Kindern.
Vielleicht lag es an meinem Alter, aber Kinder gingen mir, um es auf „gut deutsch“ zu sagen einfach immer „auf den Keks“
Das fing bei laut brüllenden Kindern auf dem Schulhof an und hörte bei den Kindern auf, die im Supermarkt rumschrien und weinten, weil sie nicht die Süßigkeit oder das Spielzeug bekamen, was sie haben wollten.
Unvorstellbar also, selbst so einen kleinen „Quälgeist“ zu Hause zu haben.
Zumal der kleine Wurm genau zu der Zeit auf die Welt kommen sollte, als für mich die Zeit des Abiturs begann.
Nach der Schule nicht runterkommen zu können, weil ständig ein Baby schreit?
Furchtbar.
Nicht ordentlich lernen zu können?
Noch schlimmer. Zumal mir das Lernen für bestimmte Fächer eh schon schwer fiel.
Ja, diese Zeit war schwer für mich.

Und natürlich auch für Mama.

Wir haben uns viel darüber gestritten.
Sehr viel.
Aber irgendwann kam dann auch bei mir die Zeit, in der ich es einfach akzeptierte.
Ja, ich bekam noch einen Bruder.
Und daran konnte ich auch nichts ändern.
Und je größer Mamas Bauch wurde, desto mehr konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden.
Ich freute mich sogar schon auf das kleine Würmchen und wollte unbedingt das Kinderzimmer mitgestalten.
Zum Ende des vorletzten Monats der Schwangerschaft war es sogar so weit, dass ich bei der Geburt dabei sein wollte.
Und den Namen wollte ich natürlich auch mit aussuchen.
Ja, ihr lest richtig -Ich, die vorher so vehement gegen ein neues Familienmitglied war.
Vielleicht bin ich während der Schwangerschaft einfach ein Stück erwachsener geworden...
Ich fieberte schon richtig mit, wann der kleine Fynn wohl endlich das Licht der Welt erblicken würde.
Als es dann endlich so weit war, begleitete ich Mama von Anfang bis Ende.
Glücklich und mit Freudentränen in den Augen, nahm ich meinen „neuen“ Bruder in den Arm. Sogar die Nabelschnur habe ich behutsam durchgeschnitten.
Und auch beim ersten Baden durfte ich mit helfen.
Ich war stolz, einen so süßen Bruder haben zu dürfen.
Auch wenn nun immer er im Mittelpunkt stehen würde, wenn wir Besuch bekämen.


Die Geburt ist nun schon mehr als 15 Monate her, aber an meinen Gefühlen für ihn hat sich nichts geändert.

Ich liebe meinen Bruder.
Ich liebe ihn so, als wäre er schon immer da gewesen.
Wenn ich traurig bin, kann ich zu ihm gehen und er macht mich einfach wieder glücklich.
Wenn ich ihm in die Augen schaue, möchte ich ihn einfach nur knuddeln, weil ich kaum begreifen kann, wie süß ein kleiner Mensch doch sein kann.
Ich bin froh, dass das Apfelbäckchen unser Leben bereichert. Nicht nur meines, sondern das der gesamten Familie.
Und es freut mich, zu sehen, dass unsere kleine Familie nun endlich komplett ist.
Aber vor allem freue ich mich für Mama.
Die jetzt keine Angst mehr haben muss, bald allein zu sein, weil Lukas und ich vielleicht nicht mehr lange bei ihr wohnen können.
Und irgendwie tut es selbst mir im Herzen weh, dass ich meinen kleinen Bruder vielleicht nicht mehr lange jeden Tag sehen kann.
Ich habe die Zeit so sehr genossen. Und ich freue mich jeden Tag zu sehen, wie schnell sich ein so kleines Wesen entwickelt.

Lieber Fynn, falls du das ein Mal lesen kannst, will ich dir sagen, dass mir meine Gedanken und meine Wut von damals so unglaublich leid tun.
Mir kommen selbst fast die Tränen, wenn ich daran denke, wie gemein ich über dich geredet habe.
Aber ich möchte, dass du weißt, dass du das allerbeste bist, was mir, uns, und dieser Familie hätte passieren können.
Ich liebe dich über alles.
Für immer.
Denn du bist mein geliebter, kleiner Bruder.

Deine Julia











Kommentare

  1. Das ist toll geschrieben. :-) Und irgendwie kann ich deine Ängste auch nachvollziehen. Aber so ein kleines Wunder kann einen einfach nur verzaubern. :-) Lg Ulrike

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  2. Liebe Julia,
    danke für Deine so ehrlichen Worte! Und was könnte es Schöneres geben, als dass Du Dein Herz frei geben konntest für das, was da Neues entstanden und zu Euch gekommen ist! Das ist eine ganz tolle Wesensart, die Du da an den Tag gelegt hast und darauf kannst Du sehr stolz sein!
    Lieben Gruß von Michaela

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  3. Awww, wie süß! Der kleine ist aber auch einfach ein Zuckerstück, oder?
    Deine Gedanken kann ich vollkommen nachfühlen. In dem Alter ist das halt so. Vielleicht verstehe ich es auch so gut, da ich ebenfalls nie der Kindermensch war ; ).

    Liebe Grüße
    Nicole

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  4. Ich finde es ist einfach wundervoll geschrieben und gerade zum schluss die zeihlen für deinen bruder einfach süß

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  5. Ein ganz wunderbarer Beitrag Julia und so ehrlich.
    Ich glaube kaum jemand kann dir deine anfängliche Wut verübeln, mir wäre es sicher nicht anders ergangen.
    Das du bei der Geburt dabei warst finde ich einfach wundervoll.

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  6. Ein wunderbarer Beitrag. So ehrlich und unverblümt. Ich glaube kaum jemand hätte anders reagiert als du damals. Das du bei der Geburt dabei warst finde ich wundervoll. Es ist sicher nicht einfach die eigene Mutter dabei zu begleiten ... aber dann als erstes das neue Geschwisterchen zu begrüßen, das ist einmalig und besonders.

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